Jemaa el Fna


Jemaa el Fna – Der Platz der Gaukler

Eine Gebrauchsanweisung für Besucher

Marrakesch ist keine gewachsene, sondern eine vor fast 1000 Jahren unter städte- baulichen Aspekten sehr überlegt geplante Stadt.
Das Herz dieser Stadt – zugleich das Herz Marokkos – schlägt auf der Jemaa el Fna, dem Gauklerplatz. An 365 Tagen im Jahr herrscht hier Hochbetrieb. Besonders in den Abendstunden bis spät in die Nacht hinein tummeln sich hier tausende von Menschen, die sich unterhalten lassen und speisen. Die Touristen sind eher eine kleine Minderheit, besonders am Abend. Dennoch wird es wohl keinen Besucher Marrakeschs geben, der den Platz nicht besucht hätte.

In den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts wollte die Stadtverwaltung hier ein modernes Shoppingcenter und eine riesige Tiefgarage bauen. Es waren die in Marrakesch lebenden Ausländer, die empört aufschrien und verhinderten, dass man der Stadt und damit Marokko das Herz aus dem Leib riss. Sie bewirkten, dass die UNESCO den Platz zum Welkulturerbe erklärte und damit war er vor den Zugriffen der Stadtverwaltung geschützt. Heute, fast 50 Jahre später sind auch die Marokkaner glücklich, dass diese Erbe nicht verlorengegangen ist. Hier gibt es keine architektonischen Sehenswürdigkeiten und keine Kunstwerke. Was hier zu sehen, oder besser gesagt zu erleben ist, das ist der Ausdruck der Seele des marokkanischen Volkes. Folgerichtig wurde der Platz von der UNESCO auch als „Immaterielles Gut und Erbe der Menschheit“ deklariert, eine Bezeichnung die erstmals in der Geschichte der UNESCO Verwendung fand.

Der Platz verändert täglich mehrmals sein Gesicht. Am morgen darf er noch von Taxis und Kleinbussen befahren werden. Hier starten die meisten organisierten Ausflüge ins Hinterland. Ab Mittag füllt sich der Platz langsam mit Akrobaten, Schlangenbeschwörern und Musikern und gegen Nachmittag werden täglich etwa 50 mobile Restaurants aufgebaut. Gegen Abend füllt sich dann der Platz mit Schau- und unterhaltungslustigen Berbern, Arabern und dunkelhäutiger Haratins, Vertreter aller marokkanischen Ethnien. Sie alle finden hier die ihnen eigene Musik und Kultur. Selbst der Fremde wird bald zwischen drei Musikstilen unterscheiden können, die hier dargeboten werden: der arabischen Musik, der Berbermusik mit ihren Wechselgesängen, Trommeln und Banjo und der Trancemusik der buntgekleideten dunkelhäutigen Gnawas mit ihren Kastagnetten und dem Gembri, einer viereckigen „Bassgitarre“ aus Kamelhaut, der kaum mehr als vier Töne zu entlocken sind.

Um die Künstler der Jemaa el Fna – man nennt sie „Halikis“ – gruppieren sich Halquas, Kreise von Zuschauern und Zuhörern, die stets am Geschehen aktiv beteiligt werden. Künstler und Publikum bilden eine untrennbare Einheit.
Es gibt Akrobaten, Musiker, Travestietänzer – Es erstaunt in einem homophoben Land, aber es sind tatsächlich Männer, die als Frauen verkleidet erotischen Bauchtanz aufführen. Das kommt daher, dass in einer muslimischen Gesellschaft der Schichat, der Bauchtanz mit Prostitution in Verbindung gebracht wurde und daher nicht in der Öffentlichkeit von Frauen aufgeführt wird.
Da findet man Märchenerzähler und Quacksalber, die zumeist Potenzmittel unter neugierigen Blicken der Männer anpreisen. Es gibt improvisierten Minigolf und Flaschenangeln und natürlich die berühmten Schlangenbeschwörer und Affen- domteure, die ja untertags schon mit den Touristen ihr Geschäft gemacht haben.

Rings herum sind Orangensaftstände, bei denen da Glas frisch gepresster Oran- gensaft nur 40 Dirham kostet.
Es ist sehr interessant und aufschlussreich zu sehen wie eine Halqua entsteht. Meist sind es zwei Musiker oder Artisten, die nach dem Prinzip der Gegensätzlichkeit, Good Corp-bad Corp, Kluger-Dummkopf arbeiten, die Zuschauer polarisieren und gleich ins Geschehen mit einbeziehen. Ist die Gruppe der Zuschauer dann groß genug und genügend Kleingeld eingesammelt, beginnt die Vorstellung.

Wie verhält man sich als Fremder, als Tourist, am Platz?

  • Fotografieren: Während es in Marokko als muslemischem Land nicht gern gesehen wird wenn man Bilder von Menschen macht (nie fotografieren ohne zu fragen und ein Nein akzeptieren!) ist da Fotografieren hier erwünscht – allerdings für einen Obolus. Die Leute leben davon. Der Preis für ein Foto beträgt einen Euro. Gibt man weniger so kann es Ärger geben, aber auch wenn man einen Euro gibt, wird man häufig sehr aufdringlich aufgefordert, mehr zu geben. Ein Euro/10 Dirham sind aber kein Geld sollt man geben, wenn die aufdringlichen Schlangenbeschwörer oder Affendomeure unauf- gefordert, ehe man es sich versieht einem eine Schlange um den Hals hängen oder einen Affen auf die Schulter setzen. Hier sollte man freundlich aber dezidiert ablehnen, oder am besten so aufmerksam sein, dass es erst gar nicht dazu kommt.
  • Anders ist es bei den Trommel- und Musik- und Artistengruppen und den Märchenerzählern. Hier geben die Einheimischen Beträge zwischen einem und 5 Dirham. Vom Touristen wird etwas mehr erwartet. Da Touristen in der deutlichen Minderheit sind fallen sie natürlich sofort auf und kaum steht man an einer Halqua wird man aufgefordert etwas Geld zu geben, zumal die Künstler wissen, dass die Touristen nur Schauen und dann gleich weiter- gehen, im Gegensatz zu den Einheimischen, die häufig stundenlang in einer Halqua bleiben. Es ist kein Problem, sich einer Halqua anzuschließen und zu verfolgen was hier vor sich geht, auch wenn man nichts versteht. Traut euch ruhig die Einladung in einen Kreis anzunehmen. Für mich ist es am schönsten, die Gesichter der Zuschauer und die Interaktionen zu verfolgen.
  • Problem: Hennafrauen. Ehe Mann/bzw. eher Frau es sich versehen hat, er- greifen die Hennemalerinnen die Hände der Touristinnen, beginnen ungefragt mit Hennaschmierereien und wollen dann dafür horrende Summen kassieren. Ich rate grundsätzlich davon ab, sich am Platz Tattoos auftragen zu lassen, denn das Henna ist oft mit Chemie versetzt und führt zu Hautreizungen und die Preise sind überhöht. Zögert nicht, die Hand dezidiert zurückzuziehen und konsequent abzulehnen. Gute Tattoos in aller Ruhe gibt es im Hennacafé in der Rue Zitoun nahe beim Platz.
  • Trinken: An den Orangensaftständen kann man unbedenklich den frisch ge- pressten Saft trinken. Er kostet überall gleichviel. Ich empfehle Stand 35. Dort ist man freundlich und nicht aufdringlich und der Saft ist nicht gepantscht. Probiert auch mal den Gewürztee mit Gewürzkuchen an den exotischen Teeständen mit ihren großen Kupferkesseln.
  • Essen: Ich rate, im Gegensatz zu den meisten Reiseführen dringend davon ab, in den open air Restaurants am Platz zu essen, mögen sie auch noch zu appetitlich und verführerisch aussehen. Man sagt zwar, dass die Restaurants kontrolliert und hygienisch ok sind, Ich habe jedoch nur ein einziges Mal in Marokko Durchfall gehabt und das war nach einem Essen am Platz. Meinen Gästen, die dem Rat nicht folgen geht es häufig ebenso. Darüber hinaus wird man als Tourist fast gewaltsam in die Restaurants hineingezogen, sodass der Spaziergang durch die Buden zum Spießrutenlauf wird. Darüber hinaus locken die aufdringlichen Kellner mit günstigen Preisen, die auch auf den Speisekarten stehen, dabei bleibt es jedoch nie. Es ist schon fast die Regel, dass der unerfahren Tourist bis zum Zehnfachen des eigentlichen Preises bezahlt und kräftig abgezockt wird. So endet das Essen dann meist in einem unerfreulichen Streit, bei dem die Kellner dann plötzlich kaum mehr englisch oder französisch verstehen und sich dumm stellen, sodass der Gast den Kürzeren zieht und nachgibt. Es ist durchaus die Regel dass man hier zu einem Preis isst, für den man ein einem der besten Restaurants der Stadt ein fantastisches Menü hätte bekommen können.
  • Wasserverkäufer: zu einer Zeit als es noch keine Softdrinks oder Wasser- flaschen an jeder Ecke gab, spielten die Wasserträger eine wichtige Rolle. Sie boten gutes Trinkwasser feil. Mit ihren bunten Hüten und dem Ziegenleder- Wassersack und der münzbestickten Tasche sind sie heute ein beliebtes Fotoobjekt am Platz (1 Euro pro Foto).
  • Die Restaurants und Terrassen rund um den Platz: Das Café de France aus der Zeit des französischen Protektorats ist noch immer eine Institution und beliebter Treffpunkt mit Belle Epoque Anmutung. Das Essen dort ist jedoch nicht besonders gut und überteuert. Günstig und gut ist das „Toubkal“ an der Ecke zum Eingang in die Rue Zitoun. Schon am frühen Morgen kann man hier guten Kaffee bekommen und für 2 Euro ein gutes Frühstück bekommen. Viele Touristen besuchen die Terrasse des „Glacier“, da man von hier den besten Blick auf das Geschehen auf dem Platz hat. Die Besitzer lassen sich den Blick allerdings teuer bezahlen: kein Zugang zur Terrasse ohne Konsumation. Neben dem Toubkal gibt es auch hübsche Terrassenrestaurants von denen man einen schönen Blick hat. Der Sonnenuntergang über dem Platz mit Blick auf die Kotubia Moschee ist sicher ein Erlebnis.
  • Bettler, bettelnde Kinder: Ich gebe am Platz grundsätzlich kein Geld. Die Bettler sind hier oft aufdringlich und ich habe den Eindruck, dass die bettelnden Kinder häufig von Erwachsenen Kriminellen organisiert sind und das Geld abliefern müssen. Manchmal spendiere ich einem Kind oder einer bettelnden Mutter einen Orangensaft. Grundsätzlich ist das Geben von Almosen in der islamischen Tradition stark verankert. Der „Zakat“, das Almosengeben ist eine der fünf Säulen des Islam. Echte Bedürftige sind jedoch nie aufdringlich. Sie wissen, dass sie in ihrer Kultur wahrgenommen und beschenkt werden und die Marokkaner geben auch großzügig. Ich habe es mir zum Prinzip gemacht, genau hinzusehen und täglich mehrmals kleine Geldbeträge (zwischen 2 und 5 Dirham) an Bettler zu verschenken. Besonders die Frauen die stumm mit ihren Säuglingen am Wegrand sitzen haben meist ein schreckliches Schicksal und benötigen Hilfe.